Kuehneromyces mutabilis

Stockschwämmchen

(Schaeff.) P. Kumm. 1871
Familie: Strophariaceae
© Dieter Gewalt
Synonym: Pholiota mutabilis
mutabilis = veränderlich

Das bei vielen Speisepilzsammlern hochgeschätzte Stockschwämmchen ist längst nicht mehr so unbedenklich wie zu Großmutters Zeiten. Grund ist ein sehr ähnlicher Pilz, der Nadelholz-Häubling Galerina marginata, dessen Giftigkeit erst 1963 erkannt worden ist. Er enthält das auch im Grünen Knollenblätterpilz wirkende tödlich giftige Amanitin.

Da der Pilz keineswegs auf Nadelholz beschränkt ist, sondern immer häufiger auch auf Laubholzstämmen und -stümpfen gefunden wird, ist er inzwischen in Gifthäubling umbenannt worden. Erst in neuerer Pilzliteratur wird beim Stockschwämmchen vor Verwechslungen mit seinem gefährlichen Doppelgänger gewarnt. Viele Pilzsammler haben Jahrzehnte lang nicht geahnt, in welche Gefahr sie sich beim Sammeln von Stockschwämmchen begeben haben. Auch mir ist es eiskalt über den Rücken gelaufen, als in den 1980er Jahren erstmals von Vorkommen beider Arten am selben Buchenstumpf berichtet wurde. Inzwischen haben wir auch im Rhein-Main-Gebiet immer wieder gemeinsame Vorkommen beobachtet. Seid also wachsam, liebe Pilzfreunde. Wer die beiden nicht 100%ig sicher auseinander halten kann, sollte auf den lieb gewonnenen Genuss von Stockschwämmchen unbedingt verzichten. Ich pflege es bei pilzkundlichen Führungen noch drastischer zu formulieren:

“Finger weg vom Stockschwämmchen !”

Stockschwämmchen wachsen dichtbüschelig an totem Laub-, selten auch an Nadelholz. Die Hüte sind ca. 2 bis 5 cm breit, heller oder dunkler ockergelblich bis -bräunlich gefärbt und auffallend hygrophan. Die Lamellen sind bei jungen Fruchtkörpern blass, später durch ausfallende Sporen rostbraun. Besondere Beachtung ist den Stielen zu widmen. Sie sind oben weißlich bis gelblich, zur Basis hin zunehmend braun, sowie unter dem dünnhäutigen, ebenfalls durch Aussporen braun verfärbenden Ring mit flockigen Schüppchen besetzt. An der Basis sind sie zu mehreren miteinander verwachsen, so dass man beim Versuch, einen einzelnen Pilz aus einem Büschel herauszuziehen, meist ein ganzes Grüppchen in der Hand hält.

Das oft üppig dichtbüschelige Wachstum und die aufgrund ihrer Hygrophanität auffällige Zweifarbigkeit der Hüte wären auf den ersten Blick ein gutes Indiz dafür, dass es sich um Stockschwämmchen handeln könnte. Diese Einschätzung mag mit einer Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent zutreffen, aber es sind die zur absoluten Sicherheit fehlenden 10 Prozent, die ein erhebliches Risiko darstellen und die eindringliche Warnung vor folgenschweren Verwechslungen rechtfertigen.

Links: Gifthäubling (Foto: Norbert Kühnberger) / Rechts: Stockschwämmchen
Stockschwämmchen
(Kuehneromyces mutabilis)
Gifthäubling
(Galerina marginata)
Stiel unterhalb der Ringzone flockig-schuppig silbrig längsfaserig
Geruch angenehm würzig, pilzig mehlig, muffig (Hut zerdrücken)
Geschmack angenehm, mild, nussig mehlig, ranzig
Sporen glatt, 6-7,5 x 3-4,5 µm warzig, 8-10 x 5-6 µm

Unterschiede in der Stielbekleidung können bei untypischer Ausprägung, aber auch alters- und witterungsbedingt undeutlich werden. Erschwerend kommt hinzu, dass der Begriff “Gifthäubling” als Sammelbezeichnung für mehrere nah verwandte Häublingsarten aufgefasst werden kann, die nur schwer oder mikroskopisch sicher unterscheidbar und ebenfalls tödlich giftig sind, z. B. Galerina autumnalis, G. sideroides, G. badipes. Unter diesen gibt es Arten, die flockig-schuppige Stiele oder glatte Sporen haben können.

Ohne oder nur mit teilweise vorhandenen Stielen gesammelte Stockschwämmchen - in der Pilzberatung ein kaum unlösbares Problem

In der Pilzberatung können Stockschwämmchen nur bestimmt werden, wenn sie mit komplett vorhandenen Stielen vorgelegt werden. Selbst dann ist es bei einem Sammelumfang von oft mehreren hundert Fruchtkörpern in der Praxis unmöglich, jeden einzelnen Pilz genau und zuverlässig zu begutachten. Da Stockschwämmchen und Gifthäublinge gemeinsam am gleichen Holz vorkommen können, ist auch nicht mit Sicherheit davon auszugehen, dass an einer Fundstelle gefundene Fruchtkörper nur einer Art zuzordnen sind.

Ältere Pilzbücher verwenden für die Darstellung von Pilzen Aquarelle, die im Vergleich mit Fotografien oft eine bessere Aussagekraft haben. Hier eine Illustration von Gabriele Gossner (in: Hans Haas – Pilze Mitteleuropas, 1964)
Alle Fotos, wenn nicht anders angegeben, von Dieter Gewalt.
Zuletzt aktualisiert am 7. August 2020