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Sep.2011

Die Invasion der Bitterlinge

von Dieter Gewalt

Sie sind angetreten, um die weniger Erfahrenen ins Bockshorn zu jagen. Es gelingt ihnen sogar, alten Hasen die Mahlzeit zu verderben. Sie sind wieder allgegenwärtig wie schon im Jahr zuvor, als sie vielen Besuchern der Pilzberatung Tränen in die Augen trieben, weil ihre vermeintliche Ausbeute an Steinpilzen ungegart im Müllcontainer endete. Ganze Körbe waren voll von ihnen und kein einziger Steinpilz darunter – die geballte Ladung an Bitterstoffen also. In manchen Nadelwäldern waren acht von zehn Röhrlingen von dieser hinterhältigen Sorte. Sie sahen appetitlich aus, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Dabei reicht schon ein einziger Jungspund, um das schönste Steinpilzgericht zu ruinieren. Die Gemeinheit hat einen Namen. Tylopilus felleus, der Gallenröhrling.

 

Dabei ist es ein Leichtes, den Spaßverderbern das Handwerk zu legen. Die ansonsten durchaus sympathische Farbe Rosa sollte ein Warnsignal sein. Sie nimmt das Röhrenfutter beim Älterwerden an. Auch das erhabene braune Stielnetz sollte die Ampeln auf Rot stellen. Leider springen diese Merkmale nicht immer ins Auge. Die Stielzeichnung kann unauffällig sein und einen Sommersteinpilz vortäuschen. Das Röhrenfutter der jüngsten erscheint rein weiß. Aber selbst die raffinierteste Tarnung fliegt auf, wenn sich der Sammler zu einer kleinen Geschmacksprobe durchringen kann. Meist genügt es schon, am angeschnitten Hutfleisch zu lecken. Man erledigt das am besten an der Fundstelle und lässt die unbrauchbare Biomasse im Wald.

 

In älteren Pilzbüchern ist zu lesen, dass Tylopilus hin und wieder in Mengen auftritt, um dann jahrelang von der Bildfläche zu verschwinden. Solche Massen wie 2010 und 2011 sind mir aber in meinem langen Leben als Pilzsucher noch nicht untergekommen. Und Tylopilus scheint auch keine mehrjährigen Regenerationspausen mehr zu benötigen.

 

Die Invasion der Gallenröhrlinge erlebte ich auch bei mir zu Hause. Als ein Pilzsammler telefonisch um Rat fragte und er sich auf seine gesammelten Steinpilze bezog, wusste ich schon Bescheid. Die Diagnose konnte fernmündlich erfolgen. „Lecken Sie doch mal am angeschnittenen Pilzfleisch,“ empfahl ich. Die Antwort: „Iiieeeh!“ Dieser Anrufer war beileibe nicht der Einzige. Einige brachten mir ihre Funde auch nach Hause mit dem immer gleichen Resultat: bitter statt lecker!

 

 

 

Nachdem ich diese Zeilen zu Papier gebracht hatte, sollte die Invasion mit einem Foto belegt werden. Das ergab die paradoxe Situation, Gallenröhrlinge statt Steinpilze finden zu wollen. Dabei kam es, wie es kommen musste. Tylopilus, drei Tage zuvor noch massenhaft in diesem moosgepolsterten Nadelwald präsent, ärgerte mich mit drastischem Rückgang. Ich benötigte zwanzig Minuten, um die abgebildeten Exemplare zu finden!