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Aug.2011

An der Jahreszeit scheiden sich die Geister !


Pleurotus ostreatus (Jacq. : Fr.) P.Kumm. versus Pleurotus pulmonarius (Fr.) Quel.

von Jürgen Fleßenkämper

 

Die Gattung Pleurotus umfasst weltweit etwa 30 Arten, in Mitteleuropa lassen sich davon 8-10 Arten finden. Der Name Pleurotus leitet sich von griechisch pleura = die Seite, und griechisch us = das Ohr ab. Die häufig ohrförmige Hutform und der seitliche Stielansatz haben zu dieser Namensgebung geführt.

Mit zwei Arten dieser Gattung möchte ich mich an dieser Stelle etwas intensiver auseinandersetzen, den Austernseitlingen (Pleurotus ostreatus) und den Lungenseitlingen (Pleurotus pulmonarius).

Dabei geht der Blick in Richtung der eindeutigen Bestimmbarkeit unter makroskopischen Gesichtspunkten, dem Vorkommen in der Rhein-Main Ebene und dem Erscheinungszeitraum. Gerade die Unterscheidung dieser beiden Arten bereitet häufig große Schwierigkeiten, ja stiftet sogar Verwirrung. Noch mehr aber, wird auch unter Experten diskutiert, wann die jeweilige Art fruktifiziert und welche jahreszeitlichen Einflüsse dafür verantwortlich sind.

Pleurotus ostreatus (Foto: Norbert Kühnberger)

Wie viele von uns in der Vergangenheit gelernt haben, ist Pleurotus ostreatus ein typischer Winterpilz. Aber stimmt das überhaupt noch?

In der älteren Pilzliteratur ist diese Sichtweise durchgängig dokumentiert. So schreibt H.Kreisel in seiner, 1987 noch in der ehemaligen DDR veröffentlichten, Ausgabe Taschenbücher für Pilzfreunde: "den Austernseitling trifft man im Spätherbst und wieder im Vorfrühling". Herman Jahn, dessen fachliche Autorität unzweifelhaft ist, schrieb: "Der Austernpilz wächst meist im Spätherbst". Noch eindeutiger formuliert E.Gerhardt. Er legt die Wachstumsperiode in den Zeitraum X-XII / II-IV und schreibt: "die Art benötigt leichte Nachtfröste um zu fruktifizieren".

Erst in der Literatur der letzten 10 Jahre geht diese einvernehmliche Sicht verloren. Während R.Lüder ("deren Wachstum erst durch die ersten Nachtfröste ausgelöst wird") und D.Honstraß ("Frost löst das Pilzwachstum aus") noch die Einordnung in die Kategorie Winterpilz vornehmen, schreibt A.Gminder: "Je nach Witterungsverlauf erscheint der Austernseitling schon im Spätsommer oder noch im Frühjahr, sodass die Art praktisch rund ums Jahr angetroffen werden kann".

Noch weiter geht die Aussage eines Pilzzüchters im Online-Forum "Pilzbestimmung". Sein Fazit lautet: "Dass alle Austernseitlinge zwingend Frost brauchen, um fruchten zu können, ist Unsinn, auch wenn es leider in fast allen Büchern steht. In meiner Seitlingszucht habe ich einen, der erst Pilze hervorbringt, wenn die Temperaturen unter 5°C fallen, während ein anderer auch in der Wohnung bei knapp unter 20°C fruchtet". Er spricht zwar von kommerziellen Fruchtstämmen, die aber eindeutig Nachkommen von wilden Exemplaren seien.

Richtig ist, dass wir in der Rhein-Main-Ebene, auch in den Sommermonaten, häufig auf Pilze der Gattung Pleurotus stoßen, welche augenscheinlich als Pleurotus ostreatus angesprochen werden müssen. Oder urteilen wir falsch? Liegt eine Verwechselung vor? Neben H.E. Laux, bieten auch M.Bon und A.Gminder eine wärmeliebende Alternative an:

Pleurotus pulmonarius (Foto: Dieter Gewalt)

Der Lungenseitling ähnelt dem Austernseitling in vielfältiger Hinsicht und ist ohne Zweifel sehr nahe mit ihm verwandt. Es gibt aber auch eindeutige Unterscheidungsmerkmale.

Aber ist es denn möglich, dass eine Art, der in der Vergangenheit so wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde, plötzlich so häufig gefunden wird? Bei Rose Marie Dähnke "700 Pilze" kein Wort von Pleurotus pulmonarius, Breitenbach & Kränzlin scheinen ihn aus der Schweiz nicht zu kennen. Selbst Ewald Gerhardt und Rita Lüder weisen in den zitierten Werken nicht auf diese Art hin. Da steht möglicherweise mancher Pilzfreund, der sich auf die angegebene Literatur stützt, ziemlich ratlos vor seinem Fund und weiß ihn nicht einzuordnen.

Im Verbreitungsatlas von G.J. Krieglsteiner sind in den alten Bundesländern nur 37 Fundpunkte vermerkt, in Baden-Württemberg 13. Allein im Rhein-Main Gebiet hat die FundGroup mehr Funde dokumentiert! Auf das angedeutete Problem der Verwechslung macht G.J. Krieglsteiner selbst aufmerksam. Er schreibt: "Augenscheinlich selten, jedoch infolge von Vermengung mit Pleurotus ostreatus wohl unterkartiert".

Differenzierter betrachtet ergibt sich folgendes Bild:

 

Pleurotus ostreatus                                                                Pleurotus pulmonarius

  • Hut:groß, dickfleischig                                                    kleiner und dünnfleischig
  • Hutgröße:ca. 100-160 x 50-110 mm                                ca. 60-120 x 30-110 mm
  • Huthaut:90-120 µm                                                        40-50 µm
  • Hutrand: dick, glatt, fein gewellt                                      oft grob wellig, gilbend
  • Hutfarbe: beige, dunkelbraun, graublau, stahlblau             weiß, beige, blass gelb, grau, ohne Blautöne
  • Lamellen: dick, weit auseinander stehend                          dünn, dicht stehend
  • Reaktion: mit Sulvovanillin rötlich, weinrot, purpur, violett  keine Farbreaktion

Lassen Sie sich von den exemplarischen Fotos im Artikel, mit sehr deutlichen Unterscheidungsmerkmalen, nicht täuschen. Bei der Gegenüberstellung ist zu berücksichtigen, dass die Variabilität beider Arten sehr groß ist. Hitze und Dunkelheit erzeugen eher blasse Fruchtkörper, Kälte und starker Lichteinfall führen zu Bildung von kräftigen Hutfarben.

Dennoch: Farbgebung, chemische Reaktion und die Dicke der Huthaut geben genug Vergleichspunkte, mit denen sich die Art auch makroskopisch eindeutig unterscheiden lassen sollte.

Abschließend betrachtet ergibt sich für mich folgendes Bild. Es ist sicher anzunehmen, dass Pleurotus pulmonarius stark in Ausbreitung begriffen ist und aufgrund seiner Ähnlichkeit immer wieder mit Pleurotus ostreatus verwechselt wird.

Es ist aber auch zu unterstellen, dass "Sommer-Varianten" des Pleurotus ostreatus gefunden werden, die sich allein makroskopisch nicht trennen lassen.

Eine dieser Varianten ist der Frühe Austern-Seitling (Pleurotus ostreatus var. praecox E. Ludwig nov.var.), welche von E. Ludwig beschrieben wurde. Dieser Pilz weist ebenfalls gelbgraue Farbtöne auf und erscheint von Mai - August.

Da ausserdem noch in Betracht zu ziehen ist, dass es durch den massenhaften kommerziellen Anbau von Austernpilzen und der damit verbundenen Myriaden-fachen Verbreitung von Sporen zu Kreuzungen und somit zu neuen Varietäten kommen kann, muss davon ausgegangen werden, dass dieses Thema noch lange weiter diskutiert wird. Dabei warten sicher noch einige Überraschungen auf den Pilzliebhaber.

Aber Eines wird Sie wahrscheinlich nicht überraschen:

Auch wenn es dem kundigen Speisepilzsammler nicht immer sicher gelingt, Pleurotus ostreatus und Pleurotus pulmonarius zu trennen - spätestens in der Bratpfanne sind sie durch nichts mehr zu unterscheiden. Dort schmecken sie beide gleich köstlich.

 

Literatur:

  • Andreas Gminder: Handbuch für Pilzsammler (2008)
  • Dr. Rita Lüder: Grundkurs Pilzbestimmung (2008)
  • Dr. Hermann Jahn: Pilze die an Holz wachsen
  • Hans E. Laux: Der große Kosmos Pilzführer (2010)
  • Marcel Bon: Parey's Buch der Pilze (2005)
  • B.Henning/H.Kreisel: Taschenbuch für Pilzfreunde (1987)
  • Dieter Honstraß: So findet man Pilze, Lehr-Präsentation (2009)
  • Rose Marie Dähnke: 700 Pilze (1982)
  • Breitenbach/Kränzlin: Pilze der Schweiz Bd.3 (1991)
  • German J. Krieglsteiner: Verbreitungsatlas der Großpilze Deutschlands (West) Band 1 A (1991)
  • G.J. Kriegelsteiner: Die Großpilze Baden-Württembergs Bd.3 (2001)
  • Teun Boekhout: Flora Agaricina Nederlandica
  • Ewald Gerhardt: Der große BLV Pilzführer für unterwegs (1997)